Nachbereitung der Kundgebung gegen den Bismarck-Kommers 2010

Kundgebungsverlauf

Zunächst einmal sind wir hoch erfreut, dass trotz der kurzen Mobilisierungsdauer in der Spitze etwa 70 Teilnehmer_innen zur Kundgebung gefunden haben. Wir bedanken uns bei allen, die sich dem Wetter und den Korporierten entgegen gestellt haben. Besonders danken wir den Gruppen, die sich mit ihren unterschiedlichen Beiträgen aktiv am Gelingen der Protestaktion beteiligt haben. Besonders unserem Sinne entsprochen hat die vielfältige, bunte Zusammensetzung der Kundgebungsteilnehmer_innen. Uns war wichtig, auch optisch und im Auftreten einen deutlichen Gegenpol zu dem uniformen Erscheinungsbild der Korporierten zu setzen. Hierzu zählen auch der offene Charakter und die entspannte Stimmung der Kundgebung. Unsere Erwartungen für diesen Auftakt der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Bismarck-Kommers sind insgesamt deutlich übertroffen worden.

Teilweise kritisch sehen wir unsere eigene Vorbereitung des Kundgebungsverlaufs. Dass während einer zweistündigen Standkundgebung Längen aufkommen können, war uns im Vorfeld durchaus bewusst. Wir hatten jedoch nicht damit gerechnet, dass nahezu alle anreisenden Korporierten Um- und Schleichwege zum Erreichen der Stadthalle in Kauf nehmen würden. So mussten die vorbereiteten „Begrüßungsaktionen“ kurzfristig aufgefangen werden. Auch an dieser Stelle gilt unser Dank den Gruppen und Personen, die ihrerseits aktiv zur Gestaltung der Kundgebung beigetragen haben. Auch die technischen Problemchen mit der Lautsprecheranlage sind unserer lückenhaften Vorbereitung geschuldet. Hierfür bitten wir die Zuhörer_innen um Entschuldigung.

Der Umgang mit den Repressionsorganen – neben der erkennbaren Polizei waren auch mehrere Staatsschutzbeamte vor Ort – ist aus unserer Sicht als vorbildlich zu bezeichnen. Während wir trotz anfänglicher Probleme mit der Einsatzleitung den Kundgebungsverlauf (so sollte das Abspielen von Musik untersagt werden) planmäßig durchsetzen konnten, entschieden andere Gruppen sich selbständig zum zeitweiligen Verlassen der Kundgebung, um gegenüber den Korporierten direkt an der Stadthalle ihren Protest zum Ausdruck zu bringen. Dass auch diese spontane Aktion unbehelligt durch die Polizei blieb, ist dem entschlossenen Auftreten der Teilnehmer_innen wie der Besonnenheit des Versammlungsleiters zu verdanken. Außerdem begleiteten Kundgebungsteilnehmer_innen eine Personalienfeststellung am Rande der Versammlung kritisch-entschlossen, so dass auch hier mögliche weitere Repressalien abgewehrt werden konnten. Dank der Betreuung durch den Ermittlungsausschuss bestand insgesamt eine gute Grundlage, den zaghaften Repressionsansätzen der Einsatzleitung ruhig und entschieden entgegen zu treten.

Wirkung der Kundgebung

Wie von uns angestrebt, ist es offenkundig gelungen, das öffentliche Bewusstsein für die Rolle der Korporationen zu schärfen. Wir sehen diese Annahme durch die breite Beteiligung an der Kundgebung ebenso bestätigt wie durch die zahlreichen Diskussionen und Gespräche im Umfeld. Die Problematik konnte auch über studentische Zusammenhänge hinaus in großem Umfang bekannt gemacht werden, unsere Internetseite hatte in den Tagen vor dem Bismarck-Kommers bis zu 650 Zugriffe täglich zu verzeichnen. Besonders positive Reaktionen erhielten wir auf unseren Ansatz, die Auseinandersetzung mit dem Korporationswesen im Allgemeinen zu suchen, unsere Kritik nicht auf die eine neofaschistische Burschenschaft zu fixieren. In diesem Zusammenhang konnten wir auch bei Personen, die bereits zuvor korporationskritisch waren, das eine oder andere Wissensdefizit beheben.

Nur als Teilerfolg bewerten wir die Medienresonanz. Unser angestrebtes Ziel, auf die in der Vergangenheit vorbehaltlos unkritische Berichterstattung der örtlichen Tageszeitungen über den Bismarck-Kommers Einfluss zu nehmen, haben wir zwar erreicht, da der Protest als solcher allerorten wahrgenommen wurde, sind jedoch mit der inhaltlichen Rezeption mehr als unzufrieden. Während unsere Standpunkte im Vorlauf der Kundgebung noch halbwegs erkennbar wiedergegeben wurden, beschränkte sich die spätere Darstellung auf einen herbei suggerierten, extremismustheoretischen „Rechts-Links-Konflikt“. Zum einen wurde unser vielschichtiges Kundgebungsbündnis auf „die Antifa“ reduziert, zum anderen wurde als Ziel des Protests lediglich die Anwesenheit der neofaschistischen Burschenschaft herausgegriffen. So konnten sich die anderen Korporationen in diesem Konstrukt als „demokratische Mitte“ präsentieren. Wir haben uns anhand unserer Vorbereitungen und Öffentlichkeitsarbeit zwar diesbezüglich nichts vorzuwerfen, müssen jedoch festhalten, dass diese zukünftig noch eindringlicher vonstatten gehen muss.

Die Korporationen zeigten sich durchweg „not amused“ über den öffentlichen Protest. Alleine die erschwerte Anreise sorgte für Irritationen und Verstimmungen, wie diversen Quellen zu entnehmen ist. Auch was unsere Inhalte betrifft, sprechen die Korporierten von einer „neuen Qualität“. Man zeigte sich erleichtert, dass die differenzierte Kritik in den Medien untergegangen ist. Auf der anderen Seite bejammert die neofaschistische „Burschenschaft Normannia-Nibelungen“, erneut in den öffentlichen Fokus geraten zu sein. In dem diesen Kreisen eigenen ewigen Opferwahn stellt man da als positives Fazit heraus, dass es nicht zu Übergriffen auf die Burschenschafter gekommen ist, was eine Schwäche „der Antifa“ aufzeigen soll. Alles in allem scheint bei den Korporationen der Glaube vorzuherrschen, einen einmaligen punktuellen Protest nunmehr überstanden zu haben.

Ausblick

Uns war von Beginn an klar, dass ein erfolgreicher Protest gegen den Bismarck-Kommers einen langen Atem benötigt. Insofern haben wir die diesjährige Kundgebung als einen Startschuss begriffen, der mit diesem Event das Korporationswesen als solches und seine lokalen Besonderheiten in Bielefeld in eine größere Öffentlichkeit bringt. Somit war und ist klar: Nach dem Kommers ist vor dem Kommers.

Wie bereits dargestellt, muss zukünftig insbesondere die inhaltliche Öffentlichkeitsarbeit auf breitere Füße gestellt werden. Auch die Teilnehmer_innenzahl für Aktionen lässt sicherlich Luft nach oben. In beiden Bereichen wollen wir allerdings auch in Zukunft Qualität vor Quantität stellen. Das Korporationswesen ist sowohl symptomatisch für gesamtgesellschaftliche Realitäten wie auch von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung und Auswirkung. In diesem Sinne streben wir auch weiterhin weder ein isoliertes „Antifa-Szene-Event“ noch einen totalitarismustheoretischen Anti-Nazi-Diskurs an. Unsere Themen als Antifaschist_innen sind und bleiben: Elitedünkel, Seilschaften, Sozialdarwinismus, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Homophobie – Herrschaft und Ausgrenzung.

Von unserer Seite wird es definitiv eine kontinuierliche Beobachtung des Bielefelder Verbindungswesens – zu speziellen Anlässen wie insbesondere auch im Alltag – geben. Spätestens im Vorfeld des Bismarck-Kommers 2011 werden wir verstärkt mit inhaltlichen Veranstaltungen an die Öffentlichkeit treten. Für den nächsten Kommers selbst sind von den unterstützenden Gruppen bereits verschiedene Ideen, auch für andere Aktionsformen, ins Gespräch gebracht worden. Wir sind motiviert und gespannt auf die weitere Entwicklung.

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