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Nachbereitung der Kundgebung gegen den Bismarck-Kommers 2010

Kundgebungsverlauf

Zunächst einmal sind wir hoch erfreut, dass trotz der kurzen Mobilisierungsdauer in der Spitze etwa 70 Teilnehmer_innen zur Kundgebung gefunden haben. Wir bedanken uns bei allen, die sich dem Wetter und den Korporierten entgegen gestellt haben. Besonders danken wir den Gruppen, die sich mit ihren unterschiedlichen Beiträgen aktiv am Gelingen der Protestaktion beteiligt haben. Besonders unserem Sinne entsprochen hat die vielfältige, bunte Zusammensetzung der Kundgebungsteilnehmer_innen. Uns war wichtig, auch optisch und im Auftreten einen deutlichen Gegenpol zu dem uniformen Erscheinungsbild der Korporierten zu setzen. Hierzu zählen auch der offene Charakter und die entspannte Stimmung der Kundgebung. Unsere Erwartungen für diesen Auftakt der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Bismarck-Kommers sind insgesamt deutlich übertroffen worden.

Teilweise kritisch sehen wir unsere eigene Vorbereitung des Kundgebungsverlaufs. Dass während einer zweistündigen Standkundgebung Längen aufkommen können, war uns im Vorfeld durchaus bewusst. Wir hatten jedoch nicht damit gerechnet, dass nahezu alle anreisenden Korporierten Um- und Schleichwege zum Erreichen der Stadthalle in Kauf nehmen würden. So mussten die vorbereiteten „Begrüßungsaktionen“ kurzfristig aufgefangen werden. Auch an dieser Stelle gilt unser Dank den Gruppen und Personen, die ihrerseits aktiv zur Gestaltung der Kundgebung beigetragen haben. Auch die technischen Problemchen mit der Lautsprecheranlage sind unserer lückenhaften Vorbereitung geschuldet. Hierfür bitten wir die Zuhörer_innen um Entschuldigung.

Der Umgang mit den Repressionsorganen – neben der erkennbaren Polizei waren auch mehrere Staatsschutzbeamte vor Ort – ist aus unserer Sicht als vorbildlich zu bezeichnen. Während wir trotz anfänglicher Probleme mit der Einsatzleitung den Kundgebungsverlauf (so sollte das Abspielen von Musik untersagt werden) planmäßig durchsetzen konnten, entschieden andere Gruppen sich selbständig zum zeitweiligen Verlassen der Kundgebung, um gegenüber den Korporierten direkt an der Stadthalle ihren Protest zum Ausdruck zu bringen. Dass auch diese spontane Aktion unbehelligt durch die Polizei blieb, ist dem entschlossenen Auftreten der Teilnehmer_innen wie der Besonnenheit des Versammlungsleiters zu verdanken. Außerdem begleiteten Kundgebungsteilnehmer_innen eine Personalienfeststellung am Rande der Versammlung kritisch-entschlossen, so dass auch hier mögliche weitere Repressalien abgewehrt werden konnten. Dank der Betreuung durch den Ermittlungsausschuss bestand insgesamt eine gute Grundlage, den zaghaften Repressionsansätzen der Einsatzleitung ruhig und entschieden entgegen zu treten.

Wirkung der Kundgebung

Wie von uns angestrebt, ist es offenkundig gelungen, das öffentliche Bewusstsein für die Rolle der Korporationen zu schärfen. Wir sehen diese Annahme durch die breite Beteiligung an der Kundgebung ebenso bestätigt wie durch die zahlreichen Diskussionen und Gespräche im Umfeld. Die Problematik konnte auch über studentische Zusammenhänge hinaus in großem Umfang bekannt gemacht werden, unsere Internetseite hatte in den Tagen vor dem Bismarck-Kommers bis zu 650 Zugriffe täglich zu verzeichnen. Besonders positive Reaktionen erhielten wir auf unseren Ansatz, die Auseinandersetzung mit dem Korporationswesen im Allgemeinen zu suchen, unsere Kritik nicht auf die eine neofaschistische Burschenschaft zu fixieren. In diesem Zusammenhang konnten wir auch bei Personen, die bereits zuvor korporationskritisch waren, das eine oder andere Wissensdefizit beheben.

Nur als Teilerfolg bewerten wir die Medienresonanz. Unser angestrebtes Ziel, auf die in der Vergangenheit vorbehaltlos unkritische Berichterstattung der örtlichen Tageszeitungen über den Bismarck-Kommers Einfluss zu nehmen, haben wir zwar erreicht, da der Protest als solcher allerorten wahrgenommen wurde, sind jedoch mit der inhaltlichen Rezeption mehr als unzufrieden. Während unsere Standpunkte im Vorlauf der Kundgebung noch halbwegs erkennbar wiedergegeben wurden, beschränkte sich die spätere Darstellung auf einen herbei suggerierten, extremismustheoretischen „Rechts-Links-Konflikt“. Zum einen wurde unser vielschichtiges Kundgebungsbündnis auf „die Antifa“ reduziert, zum anderen wurde als Ziel des Protests lediglich die Anwesenheit der neofaschistischen Burschenschaft herausgegriffen. So konnten sich die anderen Korporationen in diesem Konstrukt als „demokratische Mitte“ präsentieren. Wir haben uns anhand unserer Vorbereitungen und Öffentlichkeitsarbeit zwar diesbezüglich nichts vorzuwerfen, müssen jedoch festhalten, dass diese zukünftig noch eindringlicher vonstatten gehen muss.

Die Korporationen zeigten sich durchweg „not amused“ über den öffentlichen Protest. Alleine die erschwerte Anreise sorgte für Irritationen und Verstimmungen, wie diversen Quellen zu entnehmen ist. Auch was unsere Inhalte betrifft, sprechen die Korporierten von einer „neuen Qualität“. Man zeigte sich erleichtert, dass die differenzierte Kritik in den Medien untergegangen ist. Auf der anderen Seite bejammert die neofaschistische „Burschenschaft Normannia-Nibelungen“, erneut in den öffentlichen Fokus geraten zu sein. In dem diesen Kreisen eigenen ewigen Opferwahn stellt man da als positives Fazit heraus, dass es nicht zu Übergriffen auf die Burschenschafter gekommen ist, was eine Schwäche „der Antifa“ aufzeigen soll. Alles in allem scheint bei den Korporationen der Glaube vorzuherrschen, einen einmaligen punktuellen Protest nunmehr überstanden zu haben.

Ausblick

Uns war von Beginn an klar, dass ein erfolgreicher Protest gegen den Bismarck-Kommers einen langen Atem benötigt. Insofern haben wir die diesjährige Kundgebung als einen Startschuss begriffen, der mit diesem Event das Korporationswesen als solches und seine lokalen Besonderheiten in Bielefeld in eine größere Öffentlichkeit bringt. Somit war und ist klar: Nach dem Kommers ist vor dem Kommers.

Wie bereits dargestellt, muss zukünftig insbesondere die inhaltliche Öffentlichkeitsarbeit auf breitere Füße gestellt werden. Auch die Teilnehmer_innenzahl für Aktionen lässt sicherlich Luft nach oben. In beiden Bereichen wollen wir allerdings auch in Zukunft Qualität vor Quantität stellen. Das Korporationswesen ist sowohl symptomatisch für gesamtgesellschaftliche Realitäten wie auch von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung und Auswirkung. In diesem Sinne streben wir auch weiterhin weder ein isoliertes „Antifa-Szene-Event“ noch einen totalitarismustheoretischen Anti-Nazi-Diskurs an. Unsere Themen als Antifaschist_innen sind und bleiben: Elitedünkel, Seilschaften, Sozialdarwinismus, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Homophobie – Herrschaft und Ausgrenzung.

Von unserer Seite wird es definitiv eine kontinuierliche Beobachtung des Bielefelder Verbindungswesens – zu speziellen Anlässen wie insbesondere auch im Alltag – geben. Spätestens im Vorfeld des Bismarck-Kommers 2011 werden wir verstärkt mit inhaltlichen Veranstaltungen an die Öffentlichkeit treten. Für den nächsten Kommers selbst sind von den unterstützenden Gruppen bereits verschiedene Ideen, auch für andere Aktionsformen, ins Gespräch gebracht worden. Wir sind motiviert und gespannt auf die weitere Entwicklung.

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Jingle zur Kundgebung am 19.3.2010

MP3-Download
(848 kByte)

Da mehrfach nachgefragt wurde, hier auch die Tracklist der Kundgebung:

Anti-Flag/ Post War Breakout
Ari und Rott/ 129a
Chumbawamba/ Enough is enough
Chumbawamba/ Give the anarchist a cigarette
Chumbawamba/ Homophobia
Cidadnegra/ Conciliacao
Class Assassins/ No justice no peace
Die Goldenen Zitronen/ Auf dem Fundament meiner Initialen
Die Schwarzen Schafe/ Die Weber
Die Sterne/ Wie ein Schwein
Früchte des Zorns/ Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust
Früchte des Zorns/ Schlag zurück
Graue Zellen/ Der Untertan
Guts Pie Earshot/ Enclose Distance
Kafkas/ Contra-Feminin-Maskulin
Klaus der Geiger/ Nein nein wir wollen nicht eure Welt
Knarf Rellöm/ Arme kleine Deutsche
Kopfkino/ Keine Sklaven, keine Herren
Mad Cap/ Lied der Freiheit
Mano Negra/ Out of time Man
Manu Chao/ Desaparecido
The Clash/ The Guns of Brixton
Tod und Mordschlag/ Deutschnationale Possen
Tod und Mordschlag/ Die Wildnis ruft
Tod und Mordschlag/ Unter Männern
White Stripes/ Seven Nation Army

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Flyer zur Kundgebung am 19.3.2010

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Aufruf zur Kundgebung am 19.3.2010

[Download als PDF-Dokument, 237 kByte]

lauter und bunter ohne band und mütze

Antifaschistische Kundgebung
gegen den Bismarck-Kommers

Freitag 19.3.2010 ab 19.00 Uhr
vor der Stadthalle Bielefeld

In diesem Jahr findet zum 70. Mal der jährliche Bismarck-Kommers der Bielefelder Korporationsverbände statt. Bis zu 200 Teilnehmer aus dem Umfeld der Burschenschaften und Studentenverbindungen nehmen an dieser Veranstaltung teil, darunter traditionell zahlreiche Ehrengäste aus Politik, Wirtschaft und Polizei. Wir wollen das in jüngster Zeit vermehrte öffentliche Auftreten von Uniform tragenden Verbindungsstudenten nun zum Anlass nehmen, auf das Wesen und die Rolle der studentischen Korporationen hinzuweisen. Hierzu führen wir parallel zum Bismarck-Kommers eine Kundgebung mit inhaltlichen Beiträgen und kultureller Begleitung durch. Denn für uns ist in Anspielung auf die altertümliche Uniformierung der Kommersteilnehmer klar: Das Leben ist schöner – lauter und bunter – ohne Band und Mütze. Wir sagen: Verbindungen kappen!

Eine Vorbemerkung

Wir rufen aus verschiedenen Gründen zu einer antifaschistischen Kundgebung auf. Uns ist hierbei sehr bewusst, dass keinesfalls alle Verbindungsstudenten der Braunzone des Neofaschismus zuzurechen sind. Ebenso wird ‚nur‘ eine Minderheit der Teilnehmer_innen des Bismarck-Kommers der extrem rechten Szene angehören. Im Gegenteil: Die überwiegende Mehrheit der dort Versammelten sieht sich in der Mitte der Gesellschaft und ist dort tatsächlich fest verankert. Warum wir unser Anliegen dennoch, oder auch gerade deshalb, ausdrücklich in einen antifaschistischen Kontext stellen, werden wir in diesem Text erläutern.

Ebenso ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass unter den Oberbegriff der studentischen Korporationen durchaus verschiedene Gruppierungen fallen, die sich in wesentlichen Punkten deutlich unterscheiden. Der oft verwendete Sammelbegriff „Burschenschafter“ für alle Verbindungsstudenten ist in diesem Zusammenhang ebenso falsch wie die Annahme, es handele sich bei den Teilnehmer_innen des Bismarck-Kommers um eine homogene Einheit. Bei den vorhandenen Unterschieden weisen allerdings sämtliche Korporationen wichtige Gemeinsamkeiten auf. Wir werden hier ebenfalls erläutern, wie dieses Spannungsfeld zu bewerten ist.

Des Weiteren ist zu erläutern, warum wir von den Verbindungsstudenten entgegen sonstiger Herangehensweise in der ausschließlich männlichen Form sprechen. Die Antwort ist einfach: Sämtliche Bielefelder Korporationen schließen Frauen von einer Mitgliedschaft aus. Es gibt dort schlicht nur Männer.

Schließlich noch ist uns klar, dass ein Flugblatt immer nur einen kurzen Abriss des behandelten Sachverhalts liefern kann. Ausführliche Hintergrund-Informationen zum Thema sind unter http://bismarck.blogsport.de zu finden.

Unsere allgemeine Kritik an den
studentischen Korporationen

Elitäres Gedankengut und elitäre Praxis

Die Studentenverbindungen vertreten ein streng hierarchisches Gesellschaftsbild: Einige wenige, die gesellschaftlichen Eliten, sollen über die Belange aller entscheiden. Sich selbst und ihre Mitglieder sehen die Korporationen hierbei in einer prägenden Rolle. Tatsächlich sind überdurchschnittlich viele Korporierte in führenden Positionen der Gesellschaft zu finden.

Nach außen greifen die Verbindungsstudenten und ihre Alten Herren hierzu auf ein funktionierendes Netzwerk von Seilschaften zurück: Ehemalige Aktive der Korporationen holen die Hochschulabsolventen ihrer Verbindungen und Verbände in die jeweiligen Firmen und Behörden. Nach innen wird die antidemokratische Einstellung bereits zur Studienzeit Tag für Tag trainiert: Unter streng definierten Rollenverteilungen werden den Studenten in ritualisierter Form immer wieder bestimmte Entwürdigungen abverlangt. Diese reichen von „Saufspielen“ über verschiedene Unterwerfungszeremonien bis hin zum bekannten „Schlagen“ mit scharfen Waffen bei einigen Korporationen. Ziel ist zunächst die permanente Unterordnung des Individuums hinter die Regeln und Interessen der Gruppe, später dann der routinierte Umgang mit der eigenen Machtausübung.

Da die Korporationen für ihre Mitglieder besondere Karrierechancen anstreben und zum Teil tatsächlich bieten, sind die Aufnahmebeschränkungen zu beachten: Frauen sind von der aktiven Mitgliedschaft bei nahezu allen Verbindungen ausgeschlossen. Manche Korporationen verwehren Kriegsdienstverweigerern die Aufnahme, andere machen die katholische Religionszugehörigkeit zur Bedingung, einige Korporationen nehmen nur Deutsche auf. Im Weltbild des Verbindungswesens sind es die jeweils Ausgeschlossenen offenbar nicht wert, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

Geschlechterbilder

Bezeichnend für das Bild von studentischen Korporationen ist deren Präsenz als Männerbund. Frauen werden als schmückendes Beiwerk zu bestimmten gesellschaftlichen Anlässen gesehen und auch ausdrücklich auf solche Weise eingeladen. Das gilt selbst für die Studentinnen in den wenigen „Damenverbindungen“ an größeren Universitätsstandorten. In der Jahrhunderte alten patriarchalen Logik der Korporierten fällt Männern eine aktive Rolle bei der Gesellschaftsgestaltung und damit ein ‚natürlicher‘ Machtstatus zu, während Frauen an wichtigen Entscheidungsprozessen nicht beteiligt werden sollen, sondern zu passiven Unterstützerinnen der männlichen Machthaber degradiert werden. Auch an dieser Stelle wird also eine Personengruppe konsequent von den karrierefördernden Seilschaften und Netzwerken der Korporationen ausgeschlossen.

Auch die häufig von Korporierten zu hörende Ausflucht, eine Beteiligung von Frauen am Leben auf dem Verbindungshaus würde unweigerlich zu ernsthaften Gruppenproblemen durch sexuelle Beziehungen oder Partnerschaften führen, ist mehr als bezeichnend für die dort verankerten Geschlechterbilder: Homosexualität scheint nicht mal einen Gedanken wert. Ausgerechnet der extrem rechte Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ nimmt die Existenz homosexueller Menschen zumindest zur Kenntnis, indem er sie ausdrücklich von einer Mitgliedschaft ausschließt. Ansonsten werden Homosexuelle, die in sämtlichen Korporationen unerwünscht sind, schlicht nicht erwähnt. Im Weltbild der Studentenverbindungen gelten Homosexuelle als derart anormal, dass ihre Existenz nicht mal eine Erwähnung wert ist.

Völkische Ideologie

Auch wenn hier starke Unterschiede zwischen den einzelnen Korporationen und deren Dachverbänden bestehen, so bezieht sich doch das gesamte Verbindungswesen auf seine nationalstaatlichen Wurzeln im deutschen Sprachraum. Politisch setzen die Studentenverbindungen sich durchweg für „deutsche Interessen“ oder inzwischen auch in einem erweiterten nationalen Gedanken für ein geeintes Europa unter deutscher Führung ein.

Historisch haben die Korporationen immer streng in diesem Sinne gewirkt. Bereits zu Beginn der Naziherrschaft in Deutschland wandelten sich viele Studentenverbindungen in nationalsozialistische „Kameradschaften“ um. Sie nahmen eine Vorreiterrolle bei der Verbreitung des völkischen Antisemitismus ein, waren später maßgeblich an Bücherverbrennungen beteiligt, und überdurchschnittlich viele Korporierte wirkten an der Umsetzung des Vernichtungswillens der Nazis mit.

Während heute die meisten Korporationen die Realität ihres „Vaterlandes“ als Einwanderungsland und Weltkriegsverlierer mehr oder weniger akzeptieren, nimmt der extrem rechte Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ eine Sonderrolle ein. Er schließt nicht nur eine Mitgliedschaft von Personen ohne „deutsche Volkszugehörigkeit“ aus – zu denen bemerkenswerterweise auch Österreicher und Angehörige von nach Südamerika emigrierten Nazitätern gehören – sondern erhebt bis heute Anspruch auf die „deutschen Ostgebiete“ in Polen, Tschechien und Russland.

Zwischenfazit

Es sollte bereits deutlich geworden sein, dass viele der genannten Kritikpunkte gar keine Besonderheiten darstellen, sondern lediglich einen gesellschaftlichen Normalzustand in überspitzter Form zum Ausdruck bringen. Einige der aufgeführten Strukturen finden sich genau so in staatlichen Institutionen wie Polizei und Militär, zahlreiche Auffassungen in ähnlicher Form in anerkannten politischen Parteien wie auch an vielen Stammtischen. Deshalb ist die Existenz der Korporationen in der herrschenden Gesellschaftsform kein nennenswerter Skandal. Die Auseinandersetzung mit den kritikwürdigen Weltbildern muss im gesellschaftspolitischen Diskurs geführt werden und kann nicht isoliert betrachtet werden.

Klar sollte nur sein, dass es sich bei den Korporationen keineswegs um ‚harmlose Kostümvereine‘ handelt, sondern um Gesellschaftsfaktoren, die durchaus politischen Einfluss nehmen. Einer fortschrittlichen, emanzipatorischen Gesellschaftsentwicklung stellen sich die Korporierten aktiv entgegen. Das häufig vorgegebene Toleranzprinzip der Verbindungen macht offenkundig vor der Gleichstellung von Frauen und dem Umgang mit vielen Migrant_innen Halt. Kein Mangel an Toleranz besteht insbesondere bei der „Deutschen Burschenschaft“ gegenüber bekennenden Neonazis. Diese werden akzeptiert, unterstützt und gefördert. Spätestens an diesem Punkt stellt das Verbindungswesen eine ernstzunehmende Gefahr dar, die mit einer kritischen Betrachtung alleine nicht einzudämmen ist, sondern eines entschlossenen Widerstands bedarf.

Unsere konkrete Kritik am
Bielefelder Bismarck-Kommers

Die Bielefelder Korporationen

In Bielefeld sind fünf aktive Studentenverbindungen ansässig, die sich sowohl formal wie auch in ihrer Ausrichtung zum Teil deutlich voneinander unterscheiden.

Die Alte Leipziger Turnerschaft Hansea ist an der Detmolder Straße 126c ansässig. Sie gehört dem Dachverband „Coburger Convent“ (CC) an. Die Turnerschaft ist pflicht-schlagend, d.h. ihre Mitglieder müssen Mensuren (Fechtkämpfe mit scharfen Waffen) austragen, passend zum Wahlspruch „Furchtlos und treu!“. Vereinzelt ist ein provokantes, öffentliches Auftreten ihrer Mitglieder in der grün-rot-schwarzen Verbindungskluft zu beobachten.

Die Akademische Verbindung Sparrenberg mit ihrem Verbindungshaus Johannistal 19 gehört dem Dachverband „Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen“ (CV) an. Gemäß dessen Vorgaben nimmt sie nur Studenten mit katholischer Religionszugehörigkeit auf und ist nicht-schlagend, d.h. es werden keine Mensuren ausgetragen. Die AV Sparrenberg macht gelegentlich durch die Ankündigung von Vortragsveranstaltungen auf sich aufmerksam. Ihre Farben sind rot-weiß-blau.

Das Corps Baltica-Borussia Danzig gehört dem Dachverband „Weinheimer Senioren-Convent“ (WSC) an und ist pflicht-schlagend. Vom Verbindungshaus in der Stapenhorstraße 148 bewegen sich die aktiven Mitglieder des Corps gelegentlich in der hellblau-schwarz-weißen Verbindungskluft zur Universität, um dort öffentliche Präsenz zu zeigen.

Der nicht-schlagende Verein deutscher Studenten zu Bielefeld verfügt über kein eigenes Verbindungshaus. Wie beim Dachverband „Verband der Vereine deutscher Studenten“ (VVdSt) – auch unter dem Namen „Kyffhäuserverband“ bekannt – üblich, werden nur Studenten aufgenommen, die „dem deutschen Sprach- und Kulturkreis“ verbunden sind. Der Wahlspruch des VdSt lautet „Mit Gott für Volk und Vaterland“, die Farben sind schwarz-weiß-rot.

Die Burschenschaft Normannia-Nibelungen mit ihrem Haus Schloßhofstraße 96 gehört dem Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ (DB) an. Ihre Mitglieder müssen eine „deutsche Volkszugehörigkeit“ nachweisen und dürfen nicht den Wehrdienst verweigert haben. Die Burschenschaft mit dem Wahlspruch „Gott! Ehre! Freiheit! Vaterland!“ ist pflicht-schlagend. Durch regelmäßige öffentliche Veranstaltungen mit provokanten Themen gelangt sie des Öfteren in die öffentliche Wahrnehmung. In der Vergangenheit wurden von Mitgliedern der „Normannia-Nibelungen“ mehrfach extrem rechte Veröffentlichungen an der Universität verteilt. Die Burschenschafter sind an ihren grün-weiß-goldenen Farben zu erkennen.

Im weiteren existieren noch einzelne Bielefelder Korporationen, die aber inaktiv sind, also nur von ihren Alten Herren vertreten werden, sowie einzelne Korporationen im ländlichen Umland, die dem Bielefelder Verbindungswesen nahestehen. Von diesen ist einzig die „Burschenschaft Cimbria“ aus Lemgo erwähnenswert, die dem extrem rechten Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ angehört.

Elitestudenten in der „Arbeiterstadt“ & an der „Reform-Uni“

In allen deutschen Universitätsstädten existieren Studentenverbindungen, oft in deutlicher stärkerer Ausprägung als in Bielefeld. Hochburgen des Verbindungswesens sind hierbei alte, gewachsene Universitätsstädte wie Aachen, Göttingen, Heidelberg oder Marburg. Bielefeld mit gerade einmal fünf aktiven Korporationen nimmt sich im Vergleich sehr bescheiden aus. Einfacher Grund für diesen Sachverhalt ist die Tatsache, dass die Universität Bielefeld erst seit 1969 besteht, so dass die Stadt Bielefeld bis dahin für Korporierte weitgehend uninteressant war. Gerade vor diesem Hintergrund ist das Verbindungswesen in Bielefeld jedoch besonders kritisch zu beleuchten.

Die Universität Bielefeld war von Beginn an als „Reformuniversität“ konzipiert, in der die verschiedenen Disziplinen unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Stellenwert und ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit gleichberechtigt nebeneinander stehen sollten. Daraus folgte ein vergleichsweise egalitärer Charakter der Studienbedingungen, der Bielefeld für Studierende aus einkommensschwachen Schichten überdurchschnittlich interessant machte und auch die „Regionaluniversität“ mit einem hohen Anteil Studierender aus dem ländlichen Umland förderte. Auch wenn dieser besondere Status der Universität Bielefeld unter den gesamtgesellschaftlichen Bedingungen mehr und mehr aufweicht, so versteht sich die Studierendenschaft doch weiterhin in dieser Tradition. Das zeigen nicht zuletzt die hier besonders intensiven Studierendenproteste der letzten Jahre.

Zudem weist Bielefeld keine besondere Geschichte als Universitätsstadt auf, sondern gilt als traditionelle „Arbeiterstadt“. Bis heute wird das Bild der Stadt keineswegs durch die Universität geprägt, sondern diese ist lediglich ein Bestandteil der Stadt. Im Gegensatz zu den klassischen Universitätsstädten bleibt ein Großteil der Bielefelder Bevölkerung bis heute von der universitären Präsenz und ihrer Ausstrahlung unberührt.

Vor diesen Hintergründen stellt das Wirken der elitären Korporationen in Bielefeld eine besondere Provokation dar. Altertümliche studentische Traditionen, wie sie durch die Verbindungen verkörpert werden, sind hier in besonderem Maße als Fremdkörper zu begreifen. Die Fixierung auf akademische Kreise und Sitten stellt in Bielefeld einen Affront gegen die Bevölkerung dar. Ebenso stellen die Korporationen sich ausdrücklich gegen die übrige Studierendenschaft, die elitäre, sexistische und völkische Weltbilder in hohem Maße ablehnt.

Die Burschenschaft Normannia-Nibelungen

Seit dem Herbst 2005 werden in schöner Regelmäßigkeit die Kontakt- und Besteller_innenlisten neonazistischer Versände offengelegt. Eine Adresse in Bielefeld taucht seither immer wieder in diesem Zusammenhang auf: die Schloßhofstraße 96, das Haus der „Burschenschaft Normannia-Nibelungen“.

Bis 2004 hatten in der Schloßhofstraße 96 immer wieder öffentliche Veranstaltungen stattgefunden, die eindeutig der Neonazi-Szene zuzurechnen sind, u.a. mit dem NPD-Anwalt und Holocaustleugner Horst Mahler. An der Universität traten die Burschenschafter mehrfach provokativ in Erscheinung und bedrohten Studierendenvertreter und Journalisten. Nach umfangreichen antifaschistischen Protesten zog sich die Burschenschaft dann schrittweise aus der Öffentlichkeit zurück. Doch nicht nur die Auswertung der neonazistischen Kundenlisten beweist, dass sie weiterhin in diese Strukturen eingebunden ist. Auch der neonazistische Musikversand „Wewelsburg Records“ ist mit der Burschenschaft verwoben.

Die Bielefelder Burschenschaft gehört dem Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ (DB) an. Diese stellt unmissverständlich fest: „Ein nichtdeutscher Student ist nicht in der Lage, an der vollen Verwirklichung der Grundsätze der DB mitzuwirken.“ Im weiteren wird definiert, dass eine „Zugehörigkeit zum deutschen Volkstum“ vorliegen muss. So bestehen Mitgliedsverbände auch in Österreich sowie Freundschaftsabkommen mit Burschenschaften in Chile. Eine der zentralen politischen Forderungen der DB richtet sich gegen die Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze. Im Ergebnis erscheint nur logisch, dass aus zahlreichen deutschen Städten enge Verbindungen der jeweiligen DB-Burschenschaften zur NPD und ins militante neonazistische Spektrum belegt sind.

Seit 2005 führt die Bielefelder „Burschenschaft Normannia-Nibelungen“ jedes Jahr ein Vortragswochenende durch, das sie „Ideenwerkstatt“ nennt. Hierbei wird gesellschaftlich anerkannte Prominenz mit Referenten aus der extremen Rechten gemischt, mit dem Ziel, den öffentlichen Diskurs nach Rechts zu verschieben.

Die übrigen Bielefelder Korporationen stehen in einem von Toleranz geprägten Spannungsverhältnis zur „Burschenschaft Normannia-Nibelungen“. Zwar sind immer wieder mehr oder wenige deutliche Distanzierungen zu vernehmen, wenn die Burschenschafter allzu deutliche Nähe zur Neonazi-Szene nach außen erkennen lassen. Auf der anderen Seite werden aber gemeinsame öffentliche Veranstaltungen durchgeführt, wie beispielsweise der „Bismarck-Kommers“. Hier steht der gemeinsame Korporationsgedanke im Vordergrund. So steht zu vermuten, dass die anderen Studentenverbindungen der Burschenschaft eher aus taktischen Gründen kritisch gegenüber stehen denn aus tatsächlicher Ablehnung der neonazistischen Ausrichtung.

Akzeptanz in den oberen Gesellschaftsschichten

Eigentlich sollte es kein besonderes Aufsehen erregen, wenn einmal im Jahr maximal 200 Personen zu einer Veranstaltung namens „Bismarck-Kommers“ zusammenkommen, die im großen und ganzen als ‚Besäufnis‘ zu bewerten ist. Dem steht allerdings ein Blick auf die Ehrengäste dieser Veranstaltungen entgegen: So kamen dort im März 2008 immerhin der damals amtierende Oberbürgermeister David, die Präsidentin der Handwerkskammer, der Polizeipräsident und diverse Politiker von CDU, SPD, FDP und BfB zusammen.

Zwar ist eine beispielhafte Konstellation, wie sie in den 1980er Jahren in der alten Universitätsstadt Aachen bekannt wurde, in Bielefeld nicht vorstellbar – in Aachen waren zeitgleich der Oberbürgermeister, der Oberstadtdirektor, der Polizeipräsident, der CDU-Bundestags- abgeordnete, der Bischof und der Chefredakteur der größten Tageszeitung Alte Herren verschiedener Korporationen – die Akzeptanz der elitären Studentenverbindungen bei Personen des öffentlichen Lebens ist aber auch hier erwähnenswert. Gleichzeitig darf diese Tatsache nicht verwundern, da die Ausrichtung der meisten Korporationen wie beschrieben dem gesellschaftlichen Mainstream, insbesondere die gesellschaftlichen Eliten betreffend, deutlich nahe kommt.

Es ist und bleibt jedoch selbst unter diesen Rahmenbedingungen unerträglich, wenn bekennende Neonazis – in diesem Fall aus der „Burschenschaft Normannia-Nibelungen“ – hofiert und geehrt werden. Die Eröffnung des besagten „Bismarck-Kommers“ im Jahre 2008 illustrierte die „Neue Westfälische“ mit einem Foto, das den „Einmarsch“ der Burschenschafter mit „erhobenen Schwertern“ in die Stadthalle vor erhobenen Ehrengästen zeigt. Überhaupt berichten die beiden Bielefelder Tageszeitungen bislang bemerkenswert unkritisch über das nun zum 70. Mal anstehende korporierte Event.

Fazit

Für uns als Antifaschist_innen ist es unerlässlich, das Verbindungswesen als solches kritisch zu betrachten und ggf. auch die konkreten Einflüsse der Korporierten auf Politik, Wirtschaft und andere prägende Gesellschaftsstrukturen ans Tageslicht zu bringen. Eine unkommentierte Anerkennung der Korporierten in der Öffentlichkeit oder in gesellschaftsrelevanten Funktionen würde zu einer weiteren Manifestierung der politischen Rechtsentwicklung im wiedervereinigten Deutschland beitragen. Die Weltbilder der Korporierten sind dem Normalzustand hier immer einen kleinen Schritt voraus.

Im Weiteren ist für uns unstrittig, dass wir nicht bei einer bloßen Kritik verharren dürfen, solange aktive Neonazis in der Verbindungslandschaft mitwirken. Überall wo diesen ein Podium zur Selbstdarstellung oder andere Freiräume gewährt werden, ist es notwendig, einen breit angelegten Widerstand zu leisten, der auch diejenigen erfasst, die sich zu Unterstützer_innen der Neonazis machen.

Keinen Fußbreit dem Faschismus!
Selbstbestimmung statt Herrschaftszeiten!
Verbindungen kappen!

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